Wie mich mein Baby das vergessene Wissen vom Geburtsreflex lehrte

Bild kurz nach der Geburt von Luise mit ihrer "Rakete"
Kurz nach der Geburt – Luise mit ihrer „Rakete“

Geplant war die Geburt meines ersten Kindes im Geburtshaus. Aufgrund der Dynamik der Geburt ist es jedoch eine ungeplante Alleingeburt zu Hause geworden. Während der Geburt war nur mein Freund anwesend, die Hebamme am Telefon.

Rückblickend empfand ich die Geburt als unglaublich toll, zwar recht abenteuerlich, überraschend, sehr schnell, doch zu jeder Zeit sicher. Während der Geburt fühlte sich alles so natürlich an.
Ich fühlte mich geborgen.
Wie in einer Art Trance.

Als es so gegen 15 Uhr mit der ersten “ziehenden” Wehe losgeht, erwarte ich nicht, dass das Kind an diesem Tag kommt. Geschweige denn so schnell. Haben doch immer alle gesagt, dass das als Erstgebärende viel länger dauern würde.

Es beginnt zu dämmern. Bis mein Freund sich halb fünf abends telefonisch* von der Arbeit meldet, habe ich eher mäßige gelegentliche Wehen zu denen ich immer mal wieder, wie im Schwangerschaftsyoga geübt, die Töne „a“ und „u“ singe. Mein Freund macht sich zu 17 Uhr auf den Weg nach Hause. Und ich gehe zum Test, ob es tatsächlich losgeht, in die Badewanne. Ich hatte öfter gehört, dass die Wehen beim Baden wieder abebben können, sollte es noch nicht so weit sein. Nebenbei versuche ich eine E-Mail zu verfassen*, was mir ungewöhnlich schwerfällt*, sodass ich das Handy weglege. In der körpertemperierten Wanne vergrößert sich der Wehenabstand von vorher 5 Minuten wieder auf 8 Minuten. Ich bin etwas enttäuscht und erleichtert zugleich. Im warmen Wasser zu liegen fühlt sich sehr angenehm und entspannend an.

Es ist bereits dunkel draußen, schließlich ist es November. Das bemerke ich überhaupt nur, weil ich das Licht im Bad ausgelassen habe. Mein Freund kommt Heim geradelt* und ich bitte ihn meinen Wehenabstand zu beobachten* um einzuschätzen, ob wir die Hebamme anrufen sollen. Ich fühle mich sehr wohl. Ich bin voller Selbstvertrauen. Mein Freund hingegen schätzt mich und meinen Zustand wohl schon fortgeschrittener ein und er ruft die Hebamme* an. Sie fragt* mich, wie ich mich fühle und lässt mich einiges zu meinem Befinden erzählen. Ich will gar nicht reden* und am liebsten hätte ich all das von meinem Freund erzählen lassen. Ich berichte ihr von meinen Wehenabständen und das ich morgens noch zur Vorsorge beim Frauenarzt war. Das Köpfchen sei gemäß Ultraschall bereits tief ins Becken gerutscht. Der Schleimpfropf war in der Nacht zuvor abgegangen. Die Hebamme kommt zum Schluss, dass ich langsam wieder aus der Wanne steigen und mich erst dann wieder melden soll, wenn die Intensität der Wehen derart zunimmt, dass ich mich nicht mehr nach “zu Hause sein“ fühle. Sie schätzt in 2 bis 3 Stunden.

Gut, dann können wir ja noch was zum Abendbrot essen: Nur was? Ich kann mich ewig nicht entscheiden* und meine schließlich, „es ist mir egal“, obwohl es mir scheint, als ob ich meinen Wunsch nur nicht richtig formulieren kann*. Gegen 18 Uhr steige ich aus der Wanne. Durch den Temperaturwechsel ist mir etwas kühl und ich mache es mir daher im Wohnzimmer auf dem Sofa mit einer Decke bequem.
Kaum ist der Mann aus der Wohnung, herrscht völlige Ruhe. Ich bin allein und wieder ganz privat, nur für mich. Ich atme. Ich beobachte den Atem. Ich bin im Moment. Ganz bei mir, wie in Meditation. Völlig eins mit allem. Und plötzlich fühlt es sich an, als würden über mir ein paar sehr intensive Wellen hereinbrechen. Ohne Bauchatmung und Tönen geht nix mehr. Ich denke: „Warum habe ich den Mann zum Einkaufen geschickt? Wir müssen ins Geburtshaus fahren! JETZT!“. Kaum ist er zehn Minuten später wieder da*, platzt die Fruchtblase, gefühlt wie ein riesiger Wasserballon zwischen meinen Beinen. Auf jeden Fall einer der besonders beeindruckenden Momente der Geburt für mich. Während ich mich freue eine Decke untergelegt zu haben und zu sehen, dass das Fruchtwasser klar ist, hängt mein Freund schon wieder am Telefon mit unserer Hebamme. Beide vereinbaren, dass wir uns in 45 Minuten im Geburtshaus treffen. Mein Freund schwingt sich wieder aufs Fahrrad, um ein TeilAuto zu holen. Ich, inzwischen ordentlich am Wehen, spüre indes einen enormen Druck nach unten und bekomme das Gefühl noch mal auf´s Klo zu müssen… Groß. DAS will ich nun wirklich nicht auf dem Sofa tun müssen. Ich warte eine Wehenpause ab und „sprinte“ innerhalb der kurzen Minute ins Bad (übrigens der kleinste Raum in unserer Wohnung). Da sitze ich dann als mein Freund kurze Zeit später zur gegenüberliegenden Tür hereinkommt, mit einem Lachen im Gesicht und dem freudigen Spruch auf den Lippen „Taxi ist da!“. Und ich ebenso beschwingt „Schööön. Ich fahre nirgendwo mehr hin.“

Mein Freund dann also wieder direkt die Hebamme angerufen, dass sie gleich zu uns nach Hause fahren kann. Ich habe in der Zeit gedacht „nee, auf dem Klo kann ich nicht bleiben, da muss ich runter“. Einzige Alternative, die mir erreichbar erscheint: Die Badewanne. Ich steige rein und versuche mich noch in Frosch-Hockposition auf dem Wannenrand festzuhalten. Soll ja eine gute Geburtsposition sein. Ich zittere. Kann mich kaum halten. Mein ganzer Körper bebt. Mein Tönen ist inzwischen so laut, dass ich mir kurz Gedanken* darüber mache, ob mich die Nachbarn wohl hören*. Schnell ist das egal. Denn die Wucht der nächsten Welle zwingt mich in die Knie. Ich lege mich hin*, Beine hoch auf den Wannenrand, von wegen aufrechte Geburtsposition.

In dem Moment kommt mein Freund wieder ins Bad*, der unserer Hebamme die Botschaft verkündet ich bin in die Wanne gestiegen und sagt erstaunt: „… ich sehe da was … unten … das ist so ein bisschen offen und …. da sind Haare, ja, Haare, ganz bestimmt!“ Daraufhin sagt die Hebamme „Okay, es ist so weit. Wenn die nächste Wehe kommt, atmest du jetzt im Rhythmus kurz kurz lang: „Ha. Ha. Haaaaa. Ha. Ha. Haaaaaaa.“ Dieses Atmen ist wie ein Schlüssel zu einer bis dahin verschlossenen Tür, gegen die ich mich innerlich gelehnt habe. Ich habe bis dahin wirklich gedacht wir fahren noch ins Geburtshaus und mich eher „zurückgehalten“. Endlich kann ich anfangen wirklich loszulassen. Gleich fühle ich mich viel kraftvoller. Und lockerer.

Mit der nächsten Welle komme ich mir vor wie beim Bullenreiten. Oder als würde eine unglaubliche Naturgewalt durch meinen Körper fahren. Intensiv und wunderschön zugleich, wie ein tosender Wasserfall. Da dämmert es mir langsam, nicht mehr lange, dann ist das Baby da.
Da das Auto noch in der Feuerwehr-Einfahrt steht, geht mein Freund es kurz umparken. Schneller als ich „Hiergeblieben“ rufen kann, geht er aus der Tür hinaus. Wieder bin ich völlig allein. Nach einem kurzen Schreck*, konzentriere ich mich auf den Atem und das Loslassen.
Und ich lasse es geschehen. Mein Körper schiebt von alleine, dehnt sich in einem Pulsieren auf und wieder etwas zusammen, dann wieder etwas weiter auf. Zusammen. Auf.
Vier kurze Wehen später ist mein Freund wieder da und gerade rechtzeitig. Der maximale Dehnungsschmerz, da ist er ja. Ich denke*: „Endlich, wie schön, gleich geschafft.“ Genauso, wie ich es vorher mit dem Epi-No geübt habe, lasse ich los und entspanne mich im Unterleib bestmöglich. Lasse es gleiten. Und da ist es, das Köpfchen.

Als mein Freund die Hebamme wieder anruft, stellt er ruhig und sehr trocken fest: „Ich sehe einen Kopf“. Über Lautsprecher* gibt mir meine Hebamme die Anweisung bei der nächsten Wehe noch einmal genauso gut mit zu schieben, damit auch der restliche Körper geboren wird. Eine gefühlte Ewigkeit lässt diese Welle auf sich warten. In der Zwischenzeit soll ich das Köpfchen befühlen, was mir in dem Moment tatsächlich nicht selbst eingefallen ist. Ich habe wohl gerade anderes im Kopf und bin für diesen zärtlichen ersten Moment mit dem Kleinen sehr dankbar. Und dann kommt sie endlich, die nächste Welle. Der kleine Körper dreht sich und ich spüre ganz genau wie erst die Arme dann die Beine hinaus flutschen. Überwältigend.

Mein Freund nimmt den Kleinen in Empfang. Zeit vergeht und ich beginne mich zu fragen was die beiden da wohl machen und denke* noch „Ja, klar, der Kleine ist bestimmt glitschig. Aber das kann doch nicht so lange dauern, ihn mir auf den Bauch zu legen“. Man merkt, ich bin völlig im Delirium, denn: Unser Sohn hat die Nabelschnur zwei Mal um seinen Hals gewickelt, von der ihn sein Vater schnellstmöglich befreit. Das erzählt er auch parallel der Hebamme, die immer noch über Telefon-Lautsprecher(!)* zugeschaltet ist. Mein Freund sagt wohl auch laut*, dass der Kleine ganz lila-blau ist und keinen Ton von sich gibt. Wie kann ich nix davon mitbekommen? Indes soll mein Freund unserem Babydie Füße massieren, um seine Lebensgeister zu wecken. Ich fasse seine Hände intuitiv und reibe sie ebenfalls. Dabei bin ich in meinem ganz eigenen Film und begrüße unser Kind wie apathisch mit immer dem gleichen Wort „Hallo, Halloooo, Hallo, …“ wie in Dauerschleife. Unser Sohn schreit kurz auf, atmet dann ruhig weiter und wechselt in einen Farbton á la „Normalweiß“. Mein Freund wird noch kurz von der Hebamme zu meinem Befinden und dem unseres kleinen Wunders befragt. Sie kommt zum Schluss, dass alles okay ist. Sie legt auf, denn sie braucht ihr Handy als Navi, um zu uns zu finden.

Aufgelegt, atmen wir erstmal durch. Dann schauen wir uns an, fragen uns ungläubig „Was war das denn jetzt bitte?“ und lachen. Dann kullern meinem Freund die Tränen. Jetzt sind wir zu dritt. Wie schön. Wir erfreuen uns an dem Kleinen. Dann scherzen wir wieder und geben ihm seinen ersten Spitznamen „die Rakete“. Da mir langsam richtig kalt wird, die Badtür steht in der Hektik noch offen, deckt mich mein Freund mit ein paar Handtüchern zu.

Uns wird bewusst, dass zwischen meinem Ausstieg aus der Badewanne gegen 18 Uhr und dem Platzen der Fruchtblase nur eine halbe Stunde lag. Und wiederum nur eine weitere halbe Stunde bis der kleine Mann dann kurz nach 19 Uhr geboren wurde. Die Zeit ist für mich aus dem Fokus geraten. Ich habe mich einfach meiner Intuition hingegeben. Ich bin dankbar, dass mein Freund die ganze Zeit über ruhig geblieben ist. Das hat mir ein unglaublich sicheres und geborgenes Gefühl unter der ganzen Geburt gegeben.

Einige Zeit nach Ankunft der Hebammen, trennt mein Freund die auspulsierte Nabelschnur durch. Während er den Kleinen „Haut auf Haut“ ins Schlafzimmer mitnimmt, helfen mir die Hebammen nach über einer Stunde nach der Geburt mich zu duschen, aus der Wanne auszusteigen und mich ebenfalls ins Familienbett zu begeben.

Legende

Alle kursiv markierten Abschnitte habe ich im Rahmen meiner umfangreichen Recherchen als Zeichen gedeutet, die den Geburtsreflex in der Austreibungsphase fördern bzw. Zeichen meines speziellen Bewusstseinszustandes waren. 
Alle mit * markierten Abschnitte können als Hinweise darauf gesehen werden, dass störend in die Physiologie der Geburt eingegriffen wurde. Diese potentiellen Störfaktoren sollten von allen Beteiligten einer Geburt möglichst gemieden werden.