Du erlebst den Orientierungsreflex mehrfach täglich. Jemand lässt einen Becher plötzlich und außerhalb Deines Sichtfeldes mit einem lautem Knall fallen. Was passiert bei Dir dabei? Spürst du eine Körperreaktion? Genau, Dein Körper dreht sich zum Ereignis hin, um zu prüfen was es war.

Was ich unter Orientierungsreflex verstehe

Der Orientierungsreflex ist eine Reaktion unseres Autonomen Nervensystems (ANS). Das ANS überwacht immer aktiv die Umgebung auf potenzielle Gefahrenquellen und löst den Reflex aus, sobald etwas potenziell Gefährliches im Umfeld des Menschen auftaucht. Gefährlich aus Sicht unseres menschlichen Organismus ist alles was für unseren Körper unerwartet passiert. Zum Beispiel wird dieser Prüfreflex immer in neuen Umgebungen ausgelöst, also bei jedem Ortswechsel oder beim Auftauchen neuer Personen in einem Raum.

Orientierungsreflex definiert im Lexikon der Psychologie

Orientierungsreflex, von Pawlow in den 20er Jahren geprägter Begriff für das komplexe Reaktionsmuster eines Organismus bei neuen und unerwarteten Stimuli (Orientierungsreaktion).

Lexikon der Psychologie, Spektrum der Wissenschaft

Warum ist der Orientierungsreflex für die Geburt relevant?

Wir kennen sie alle, die Geschichten von der Frau, welche zu Hause bereits ordentlich am Wehen ist und nach der Fahrt in der Klinik ankommt und die Wehen sind „plötzlich“ weg.

Das ist kein Zufall. Das ist auch kein Fehler. Das ist eine natürliche Schutzreaktion Deines Körpers, der Dich und Dein Baby vor Gefahr schützen möchte. Zugegeben, diese Gefahren wie lauernde Bären, welche Dein Körper mit einem Ortswechsel unter der Geburt verbindet, sind inzwischen oberflächlich gesehen nicht mehr da. LEIDER, weiß das unser Autonomes Nervensystem nicht. Es ordnet jede Aktivierung des Orientierungsreflexes als Geburtsstörung ein und führt je nach Schwere der Störung bzw. „Gefahr“ die entsprechenden Körperreaktionen durch. Im Beispiel verlässt die Gebärende, den sicheren Gebärplatz des zu Hauses, um mehrere Ortswechsel vorzunehmen (u.a. Flur, Weg zum Auto, Autofahrt mit eingeschränkter Bewegung, Parkplatz, Flur(e), Anmeldung, Vorwehenzimmer in der Klinik bzw. Gebärraum im Geburtshaus), bei denen das Gehirn der Gebärenden jedes Mal den Orientierungsreflex anwirft und prüft, ob die Umgebung noch zum Gebären sicher ist.

Jedes Mal, wenn der Orientierungsreflex einer Gebärenden ausgelöst wird, 
kann von einer Störung der Geburt gesprochen werden!

Der Orientierungsreflex führt immer zu einer Anregung des Neokortex, unserer Großhirnrinde, die allgemein als Verstand bezeichnet wird. Und genau das ist nach Geburtsexperte Michel Odent tunlichst zu vermeiden:

DIE GROßHIRNRINDE EINER GEBÄRENDEN DARF NICHT ANGEREGT WERDEN!

Michel Odent, in „Es ist nicht egal, wie wir geboren werden – Risiko Kaiserschnitt“, S. 29

Um es positiv zu formulieren, da unser Verstand Negativ-Formulierungen schwer versteht:

DER VERSTAND DER GEBÄRENDEN MUSS IN RUHE GELASSEN WERDEN!!!

Fazit: Der Orientierungsreflex ist meiner Ansicht nach einer der größten und gleichzeitig unterschätzten Einflussfaktoren auf eine gelingende Geburt. Das liegt in seiner enormen Wirkung auf das Gehirn einer Gebärenden: Der Geburtsprozess ist ein Gehirnprozess. Entscheiden wir uns während der Geburt einen oder mehrere Ortswechsel durchzuführen, wird das Auswirkungen auf unsere Geburt haben. Davon vorher zu wissen und sich aktiv darauf vorbereiten zu können, dem Gehirn so wenig unerwartetes wie möglich zu präsentieren bzw. aktive „Ablenkungsmanöver“ zu starten, zum Beispiel durch Meditationen und Selbsthypnosen (wie im Hypnobirthing), kann sich positiv auf den Geburtsverlauf auswirken. Das wichtigste, was uns die Kenntnis um den Orientierungsreflex anmahnt ist allerdings Störungen jeder Art bestmöglich zu vermeiden.

Aus Sicht unseres menschlichen Orientierungsreflexes, ist der Ort, 
an dem die Geburt selbsttätig startet, üblicherweise der sicherste Geburtsort.

Meist ist das ein Ort an dem wir uns wohlfühlen, der uns und damit unserem Autonomen Nervensystem sehr vertraut und „erwartbar“ ist.

Orientierungsreflex selbst erforschen

Wenn Du den Orientierungsreflex an Dir selbst beobachten und erforschen willst, kannst Du folgende Fragen nutzen:

  • In welchen Situationen tritt der Reflex auf?
  • In welchen Körperbereichen spürst Du eine Körperreaktion?
  • Wie viele Körperreaktionen sind am Reflex beteiligt?
  • Wie fühlst Du Dich, wenn der Reflex auftritt?
  • Was tut Dein Geist und Dein Körper direkt nach dem Reiz?
  • Wie könntest Du die Auswirkungen des Reflexes aktiv beeinflussen, zum Beispiel Dich beruhigen?

Wie Du erkennst, ob bei Dir eine Störung des Orientierungsreflexes vorliegt

Bald hier zu lesen ….